Spätestens seit der Corona-Krise 2020 habe ich das immer stärker werdende Gefühl, dass die Welt und das Leben, wie ich sie zu kennen glaubte, sich in Auflösung befinden, am zerfallen sind, oder vielleicht auch nie existiert haben. Dass meine Werte und mein Weltbild nur ein großer Irrtum waren, die illusionistische und viel zu optimistische Hoffnung eines Menschen, der sich immer für einen eher pessimistischen Realisten hielt. Dass meiner ohnehin schon instabil konstruierten Grundhaltung das Fundament entzogen wird und die verbleibenden und stümperhaft zusammengezimmerten Stützen und Streben zu wanken beginnen und einzustürzen drohen. Dass mir bei diesem Schwanken ganz schwindelig wird und ich Halt und Orientierung verliere und drohe, in eine Leere ohne Sinn und Ordnung zu stürzen.

Die Seele in Zeiten der Krise
Es waren nicht die Pandemie und ihre praktischen und gesellschaftspolitischen Folgen und Verwerfungen alleine. Auch diverse andere Krisen und persönliche Ereignisse, die hier alle aufzuzählen den Rahmen sprengen würde, haben dazu beigetragen, mich an einen bislang ungekannten Tiefpunkt zu bringen. Dazu zählen kriegerische Auseinandersetzungen, Klimawandel, Wirtschaftskrisen, politische und gesellschaftliche Reibungen und Verschiebungen, aber auch der Tod des Vaters, eine Krebserkrankung, ein berufliches Entgleisen und einiges andere haben zu einer tiefen mentalen Erschöpfung geführt. Ich bin aus dem wirklich dunkeln Tal wieder raus, habe den Krebs hinter mir gelassen, habe Familie und Freunde, bin in einer finanziell für viele beneidenswerten Situation, mir fehlt es an nichts Materiellem. Ich könnte behaupten, dass es mir gut geht, und in der Tat überkommt mich manchmal ein Hauch von Glück, wenn ich mir all das vergegenwärtige.
Doch da ist – neben all den eigenen fiesen kleinen Teufelchen, die einem das Leben unnötig schwer machen können – eben auch diese wachsende Sorge und Angst, dass alles doch ganz anders ist. Dass das wackelige Fundament, auf dem ich mein Leben notdürftig errichtet habe, nur eine (zugegebenermaßen wenig vollständige und schlüssige, eher einem vagen Gefühl entsprechende) Erzählung unter vielen ist, die nun von anderen verdrängt wird, die nicht als Fundament für mein schiefes Lebensgerüst taugen. Dass Wirklichkeit und Wahrheit nicht das gleiche sind, und dass ihre Bedeutung für das Leben vieler Menschen weit geringer ist, als ich lange Zeit glaubte.
Das aktuelle Weltgeschehen kommt mir vor wie ein sich immer schneller drehendes und außer Kontrolle geratenes Karussell des Wahnsinns, das – beschleunigt von Macht, Gier, Egoismus, Lügen, Ignoranz und Verblendung – die Welt um sich herum zusehends zerfetzt und verschlingt, und dabei von mir als allgemeingültig angenommene Grundwerte wie Frieden, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit ad absurdum führt. Die von mir als fast natürlich angenommene Entwicklung hin zur immer weiteren, unaufhaltsamen Durchsetzung dieser Werte der Vernunft und Menschlichkeit scheint nun umgekehrt, es gelten andere oder auch keine Regeln mehr, es geht zurück in eine archaische, finstere Welt.

Ein Lichtblick
Trotz der tiefen Verzweiflung, der Lähmung und Schockstarre, in die ich angesichts all dessen öfter verfalle. Trotz und vielleicht auch gerade deswegen: Humor und Haltung wahren, aktiv bleiben, dem ganzen trotzen. Geschichte wiederholt sich nicht einfach so, vieles ist nicht zwingend und unausweichlich, und ich bin nicht alleine. Ab und an, insbesondere wenn ich von Menschen lese und höre, die ähnlich denken und fühlen wie ich, verspüre ich sogar einen Funken Hoffnung.
Ich musste kürzlich fast laut lachen, als ich zum ersten Mal den Begriff „Sanewashing“ las.
Hörverstehen
Leonard Cohen - The Future
R.E.M. - It’s the End of the World as We Know It (And I Feel Fine)
