
Angst war ein ständiger Begleiter in meinem Leben.
Angst vor anderen Kindern, vor Mobbing und Bashing. Angst vor dem Tod der Eltern und vor dem eigenen Tod. Angst nicht zu genügen, Angst zu versagen, Angst vor Prüfungen. Angst in der Schule, im Studium, auf und vor der der Arbeit. Angst vor sozialen Kontakten und der Bewertung durch andere Menschen. Angst, dass die anderen merken, dass ich eigentlich gar nichts kann und bin. Angst, etwas zu verpassen, vor Bindung, Festlegung, vor falschen Entscheidungen. Angst vor Krisen und Kriegen, vor dem Bösen im Menschen und seinen Abgründen. Angst vor Veränderung, vor dem Verlust von Wohlstand und dem Status Quo. Angst um Leib und Seele meiner Lieben. Angst vor dem, was noch kommen mag und vor dem, was nicht mehr sein wird. Angst, dass alles doch ganz anders ist. Angst vor mir selbst.
Die Angst war zeitweise stark, hat mir den Schlaf geraubt, hat mich gelähmt. Ich habe mit Tabletten und Therapie versucht, ihrer eisernen Klammer um meine Eingeweide, ihrem heißen Schwindel in meinem Kopf zu entkommen. Sie hat mich viel gekostet – Freude, Selbstentfaltung, Freiheit, Leben.
Mit Abstand betrachtet kommt mir meine Angst unangemessen vor, undankbar dem Leben gegenüber, fast beschämend. Verbringe ich mein Leben doch – gemessen an der menschlichen Historie und der aktuellen Verteilung auf der Erde – mit einem hohen, ja luxuriösen Maß an Freiheit, materiellem Wohlstand, sozialer Absicherung, medizinischer Versorgung, bislang kaum berührt vom unmittelbaren Einfluss größerer Unfälle, Kriege, Katastrophen und Schicksalsschläge. Vielleicht fördern solche Umstände, wenn es an einer wirklich existenziellen Bedrohung oder Aufgabe fehlt, auch eine individuelle Neigung zur Angst.
Diese Einsicht ist gut, aber für sich wenig hilfreich. Sie lässt die Angst nicht verschwinden, kann aber zusätzliche schlechte Gefühle wie Scham und Schuld erwecken. Auch blöd. Die Angst also erst einmal akzeptieren, lernen mit ihr umzugehen. Eine gute Balance aus Vermeiden und daran Wachsen finden.
Erst mit dem Älterwerden wurde es wirklich besser. Ich wandele immer noch auf dünnem Eis und am Rande diverser Abgründe, aber meine Erfahrung hat mir ein wenig Vertrauen in mich selbst gegeben und mich gelehrt, dass das Wasser nicht so eisig, der Abgrund nicht so tief ist, und dass es auch kein Problem ist, wenn ich das ab und zu vergesse. Im Dunkel ist auch Licht.
Frei von toxischer Angst zu sein fühlt sich wunderbar leicht an.
Bildvorlage von Dorothe auf Pixabay
Hörverstehen
David Bowie - Afraid
