Als Kind hatte ich eine unglaubliche Angst vor dem Tod. Nachdem eine Tante, die im gleichen Haus wohnte, auf einmal weg weil an Krebs verstorben war und bald darauf ihr verwitweter Mann eines Morgens tot in den gestärkten weißen Laken des nun einsamen Ehebettes lag, eine kleine Blutspur aus der Nase seines fahlen, kalten Gesichts laufend, hat mich das Thema Tod eine ganze Weile nicht mehr losgelassen. Es wurde, wie leider so oft, in der Familie nicht wirklich darüber gesprochen, aber mir war auf einmal klar, dass er da war, und unausweichlich jeden einmal ereilen würde, meine Eltern, mich.

Grabstein, Alter Friedhof Görlitz
Diese Erkenntnis war schrecklich. Am meisten schmerzte mich der Gedanke an den Tod meiner Eltern, von dem ich glaubte, diesen nie ertragen zu können und von dem ich inständig hoffte, diesen nie erleben zu müssen. Aber auch die einzige logische Möglichkeit, das zu erreichen, schien mir keine Option, da ich meinen Eltern meinen eigenen Tod genau so wenig zumuten wie ich den ihren erleben wollte.
Was war das überhaupt, mein eigener Tod? Ich stellte mir mich als alten Mann mit fahlem, kaltem Gesicht in gestärkten weißen Laken liegend vor, in der Stunde meines Todes. Es schien mir zwar noch unvorstellbar weit weg, zwischen diesem Moment und dem Hier und Jetzt ein schier unendlich langes, noch völlig unbekanntes Leben liegend, aber ich wusste auch – soviel hatte ich über die Zeit schon verstanden – dass es dennoch nur einen Wimpernschlag weit weg war. Ich konnte jetzt die Augen schließen und würde sie eines Tages wieder öffnen, und egal wie viel Zeit dazwischen verstrichen, was ich bis dahin erlebt hatte, es war doch nur ein Wimpernschlag, und da war er dann, mein Tod.
Über 50 Jahre später kann ich diese frühe Erkenntnis nur bestätigen, dass die Lebenszeit mit einem Wimpernschlag verstreicht. Was ich nicht bestätigen kann ist, dass ich den Tod meiner Eltern nie ertragen könnte.
Ich habe mich seit der Kindheit gedanklich viel mit dem Tod beschäftigt, ihn aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Das große dunkle Nichts, das so sicher sein wird, wie es nicht sein darf. Die einzige Gewissheit des Lebens, die viel zu oft ignoriert und weggeschwiegen wird, und der dadurch ein viel zu großes Gewicht gegeben wird. Ich habe selbst mit sehr verschiedenen Gefühlen in Richtung meines Todes geblickt. Neben der anfänglich großen Angst waren da auch Zeiten, in denen ich den Tod als Ausweg gesehen habe, Momente, in denen ich ihn herbeigesehnt habe, in denen ich auf ihn neugierig war, oder in denen ich ihn trotzig verachtet habe. Es gab aber auch Zeiten, in denen das Leben so präsent war, dass der Tod keine Rolle gespielt hat.
Im Lauf der Zeit hat sich mein Verhältnis zum Tod entspannt. Die Gefühle schwanken immer noch in die ein oder andere Richtung, aber insgesamt hat sich der Tod vom ehemals gefürchtetsten Feind zu einer Art freundlichem Begleiter entwickelt. Ich weiß, dass er einfach dazu gehört, dass ein endloses Leben genauso unmöglich wie wenig erstrebenswert ist. Ich weiß auch, dass er fast nie gelegen kommt, dass er mit viel Schmerz, Leid und Trauer verbunden sein kann, für den Sterbenden wie die noch weiter Lebenden, aber auch das gehört dazu. Ich fürchte ihn kaum noch, und wenn doch, dann viel mehr den meiner Lieben als den eigenen. Ich weiß, dass ich mich auf ihn verlassen kann, dass er mein Leben bis zum Ende begleiten wird, und das empfinde ich als beruhigend. Seine Anwesenheit gibt dem Leben, gibt meinem Leben einen enormen Wert.
Hörverstehen
The Rasmus - No Fear
