Ich war früher viel mit dem Auto unterwegs, und ich war eine Art Raser. Fast immer kalkuliert über dem Limit, und ohne Limit oft am Limit, Bleifuß eben. 200 km/h musste die Karre mindestens machen, unter 150 PS ging nichts, und Verbrauch war was für Arme. Ich war kein besonders aggressiver Fahrer, mochte es aber überhaupt nicht, wenn ich mich in meiner automobilen Freiheit fahrlässig oder gar vorsätzlich eingeschränkt fühlte. Dann wurde ich oft ungehalten und konnte auch mal ausrasten. Heute schäme ich mich dafür. Passiert ist zum Glück nie etwas.
Vor einigen Jahren begann ein (Um)denken. Über die Gefahr, der ich andere und mich selbst aussetzte. Über die Einschränkung anderer in ihrer gefühlten Freiheit durch mein Verhalten. Über die Erzeugung von jeder Menge Dreck und Gift. Über die Unnötigkeit von alldem. Dem Denken folgte das Handeln. Freiwillig Tempo 120, nach Möglichkeit nicht über dem Limit, energieeffizientes Fahren als sportliche Herausforderung, eine eher defensive, vorausschauende und rücksichtsvolle Fahrweise, mich nicht triggern lassen. Es klappt nicht alles immer, aber immer besser.
Ich fahre auch viel weniger als früher. Ich kann mir das nicht fahren leisten, und habe ein ganz anderes Empfinden zu notwendigen und lohnenden Fahrten entwickelt. Ich gehe viel zu Fuß, fahre öfters Rad, manchmal auch Motorrad. Das Fahren kann auch Freude bereiten. Nur wenn ich mal, aus Dummheit oder weil‘s nicht anders geht, dann auf der Straße bin, wenn es die meisten sind, kommt schnell der Koller. Ich zweifle an der Menschheit ob des alltäglichen automobilen Wahnsinns, diesem unglaublichen Verbrennen von Ressourcen und Zeit, dem Verstopfen und Verpesten unseres Lebensraums, und der ganzen Aggression, die dieser Wahnsinn befördert.
Ich habe gut reden. Ich kann es mir erlauben, heute das zu sein, was früher noch ein Schimpfwort für mich war. Ein „Sonntagsfahrer“, der nur dann fährt, wenn er will, sich Strom und Zwang entzieht und Ruhe und Abgeschiedenheit sucht. Dann finde ich auch leichter meinen Frieden mit der Menschheit.
Letzten Sonntag, ein Freund regte sich im Chat mal wieder über einige der vielen ungeheuerlichen Geschehnisse auf der Weltbühne auf und darüber, wie ambivalent und widersprüchlich der Mensch an sich doch sei, versuchte ich zu beschwichtigen und brachte als Beleg meine tagesaktuelle Erfahrung von der Autobahn ein, dass es doch höchstens 20% seien, die durch negatives Verhalten eben auffielen, und die große Mehrheit von über 80% doch ganz vernünftig schienen, aber eben unauffällig seien. Prompt kam die Antwort „80 Prozent? Es war Sonntag, mein Lieber, es war Sonntag!“.
Hörverstehen
Deep Purple - Highway Star
Abwärts - Autobahn
