
Ich war so vierzehn, fünfzehn Jahre alt, da war Heiligabend auf einmal anders.
Bis dahin war es, wie es soll. Der Höhepunkt des Jahres, lange herbeigesehnt, Wünsche werden wahr. Die Ungeduld kaum auszuhalten, zähe Stunden mit Warten aufs Christkind, dann endlich die Bescherung, glänzende Kinderaugen, eine glückliche Familie unterm Weihnachtsbaum.
Dann schlichen sich Schwere und Leere in mein Leben. Sie trafen mich zum ersten Mal bewusst im späten Sommer. Ich kam am Nachmittag nach Hause, da Stand ein Kuchen auf dem Tisch. Aber es hat sich alles falsch angefühlt, ich habe mich falsch angefühlt. Statt Freude und der gewohnten Geborgenheit war da nur eine hohle Angst.
Von da an war auch der Zauber des Heiligabends verschwunden, und er kam nie wieder. Ich fühlte mich nicht mehr geborgen zu Hause, in der Familie. Ich musste raus, auf der Suche nach dem Wozu. Da war diese Sehnsucht, von der ich ahnte, dass sie nie befriedigt werden konnte. Alles war hohl und leer, ich war einsam und traurig.
Damals war ich ganz alleine unterwegs in unserer kleinen Stadt, fühlte mich verstoßen vom Rest der Welt, der glücklich im Kreise der Familie das Fest der Liebe und der Freude feierte, so wie sich das gehört. So schien mir das.
In den nächsten Jahren fanden sich ein paar einsame Seelen mehr in den Straßen, die dem heiligen Schein des Abends entflohen. Sie trafen sich in den wenigen Kneipen, die der allgemeinen Festlichkeit trotzten. Es wurde mehr und mehr, der Heiligmorgen vielerorts zum Volksfest.
Heute bin ich wieder mit meiner Familie zu Hause, meide die betriebsamen Orte, lasse den Heiligabend über mich ergehen. Ich hoffe, dass bei meinen Lieben zwischen all der Hektik, den Erwartungen, Enttäuschungen und Konflikten ein bisschen des Gefühls sein mag, das ich als Kind noch kannte.
Hörverstehen
The Killers - Don’t Shoot Me Santa
